
Chrystel Lebas ist eine in London lebende bildende Künstlerin, deren Arbeit die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Natur untersucht. Sie nutzt Fotografie, Film und Ton, um Landschaften und ihre verborgenen Geschichten zu erforschen, und kehrt dabei oft über lange Zeiträume hinweg an dieselben Orte zurück, insbesondere in Zeiten ökologischer Veränderungen. In den letzten Jahren hat sich ihre Arbeit auf den Wandel der Landschaft und das Anthropozän konzentriert.
Ihr Projekt „Regarding Forests“ kombinierte großformatige Fotografien, Ton und Duft in einer immersiven Installation, die von der Wellcome Collection in London in Auftrag gegeben und später u.A. im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden gezeigt wurde. Lebas hat außerdem mit Wissenschaftler:innen des Natural History Museum in London an einem Langzeitprojekt zusammengearbeitet, das von der Calouste Gulbenkian Foundation unterstützt wurde. Diese Arbeit verfolgte die Reisen des Ökologen Sir Edward James Salisbury (1886–1978) nach und mündete in eine große Einzelausstellung im Huis Marseille, Museum für Fotografie in Amsterdam, die anschließend durch Großbritannien tourte. Begleitet wurde sie von der Publikation „Field Studies: Walking through Landscapes and Archives“, die den Kraszna-Krausz Foundation Best Photography Book Award 2018 und den Best Dutch Book Design Award gewann.
Als Absolventin des Royal College of Art hat Lebas ihre Werke international ausgestellt, unter anderem in der Wellcome Collection in London, im Huis Marseille Museum für Fotografie in Amsterdam, im De Pont Museum in Tilburg, in der Scottish National Gallery, in der Royal Academy in London, im Victoria and Albert Museum, in der Photographers’ Gallery, im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Rijeka, im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris und im Palais de Tokyo in Paris.
Ihre Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter das Huis Marseille Museum für Fotografie, die Scottish National Gallery, das Victoria and Albert Museum und die Bibliothèque Nationale de France. Sie hat drei Monografien veröffentlicht: L’espace temps – Time in Space (2003), Between Dog and Wolf (2006) und Field Studies: Walking through Landscapes and Archives (2017).
Im Sommer 2023 wurde Chrystel Lebas vom Passage Art-Residency-Programm eingeladen, die Region Dübener Heide zu erkunden, eine Landschaft, die bis heute von Transformationsprozessen geprägt ist, die aus dem ehemaligen Kohleabbau und den Folgen des Umweltwandels hervorgegangen sind.
Einer ihrer Schwerpunkte war das Presseler Heidewald- und Moorgebiet, ein geschützter Naturraum südöstlich der Dübener Heide. Moore, Sümpfe, kleine Heideflächen, vielfältige Wälder, Teiche und von Wiesen gesäumte Bäche bilden hier einen großen, zusammenhängenden Komplex naturnaher Lebensräume – im deutlichen Kontrast zu den umliegenden landwirtschaftlich genutzten und ehemals vom Bergbau geprägten Landschaften. In den Mooren und Feuchtgebieten nisten Kraniche, Störche, gelegentlich Fischadler sowie andere seltene Vogelarten. Lebas interessierte sich für diese komplexe Landschaft, die sich im Laufe der Zeit von einem weitgehend unberührten Naturraum zu einer durch menschliche Eingriffe (etwa Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Torfabbau) geprägten Umgebung entwickelt hat.
Deutschland war in den vergangenen Jahren wiederholt von Dürren und Überschwemmungen betroffen. Während ihres Aufenthalts trockneten die Wälder und Moore, zentrale Bestandteile dieses Ökosystems, zunehmend aus. Durch das Gehen, Beobachten und kontinuierliche Dokumentieren dieser Veränderungen wurde Lebas zur Zeugin der Fragilität dieser Umwelt und beobachtete, wie die Moore infolge anhaltender Trockenheit allmählich verschwanden. Sie fotografierte diese langsamen Transformationen in den Waldgebieten und zeichnete zugleich die Rufe der nistenden Kraniche auf. Fotografien und Tonaufnahmen entstanden vor allem in der Dämmerung und in den frühen Morgenstunden, wenn die Tiere am aktivsten sind.
Im Rahmen ihrer Recherchen besuchte Chrystel Lebas auch das Fotoarchiv im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), wo sie mit dem Projekt „Fotografie und Gedächtnis“ bekannt gemacht wurde. Dieses Projekt lud Anfang der 1990er Jahre Fotografen aus Westdeutschland ein, Bergbaulandschaften vor ihrer Stilllegung zu dokumentieren. Lebas wählte Fotografien von Reinhard Hentze aus und fotografierte dieselben Ansichten rund um Bitterfeld erneut. Die ehemaligen Tagebaue wurden inzwischen geflutet oder mit Bäumen bepflanzt, um eine künstlich gestaltete Landschaft zu schaffen, die heute vor allem für Freizeitaktivitäten genutzt wird.
Ein weiterer Ort, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war die „Grube Johannes“, auch bekannt als „Silbersee“, ein ehemaliger Braunkohletagebau, der von abgestorbenen Bäumen umgeben ist. Kurz nach der Einstellung der Förderung wurde die verbliebene Grube ab Mitte der 1930er Jahre zur Entsorgung von Abwässern aus der Agfa-Filmfabrik in Wolfen genutzt. Der Name „Silbersee“ verweist auf die Verwendung von Silberverbindungen in der Photochemie. Weitere Abwässer aus der nahegelegenen Produktion synthetischer Fasern führten zur Bildung eines stark schwefelhaltigen Schlamms, der über Jahrzehnte erhebliche Geruchsbelästigungen und gesundheitliche Probleme für die Anwohner verursachte. Seit 2018 wird der kontaminierte See saniert, doch kommt es immer wieder zu Rückschlägen, da erhöhte Emissionen von Schwefelwasserstoff starke Gerüche verursachen. Lebas dokumentierte den See fotografisch und schuf ein mehrteiliges Panorama als topografisches Dokument, das die Versuche sichtbar macht, diese fragile Landschaft wiederherzustellen.
Alle Bilder aus der Arbeit: „Landscape Observations“, 2023
Bild 1,2: Presseler Heidewald und Moorgebiet
Bild 3,4: Grube Johannes, bekannt als Silbersee
Bild 5 – 8: Grube Johannes (mehrteiliges Panorama)
Bild 9: Grube Johannes
„In Search of a Landscape“ ist ein 2024 entstandener Kurzfilm, der die Erfahrungen und die künstlerische Praxis von Chrystel Lebas mit einem kontemplativen Blick auf die Landschaft rund um das Hofgestüt Bleesern verbindet. Die Residenz 2024 war Teil von KOBRA, einem mehrjährigen Projekt (2025–2030), das regionale Transformationsprozesse zwischen dem Fläming und der Dübener Heide untersucht und künstlerische Forschung in diesem Kontext fördert.